Dorf ohne Gewissen

1.

When nothing goes right, go left.
Frank starrte auf die kleine Postkarte an seiner Zimmertür. Die hatte Ines ihm vor langer Zeit geschenkt. Sie hatte ihm erklärt, was das bedeuten sollte, denn er konnte kein Englisch. An seiner Schule hatte man ihm das nicht beigebracht.
Er war nicht auf der gleichen Schule gewesen wie die anderen Kinder im Dorf, er war auf die Sonderschule gegangen. Frank war immer noch überzeugt, dass das ›Sonder‹ für sonderbar stand, aber Mamma hatte immer gesagt: »Sonder steht für besonders, denn das bist du, mein kleiner Junge.« Dann hatte sie ihm über den Kopf gestreichelt und gelächelt.
›Right‹ bedeutete im Englischen rechts oder richtig. »All right, Sir!«, sagte Ines immer, wenn er sie um etwas bat. Dabei knallte sie lustig die Hacken zusammen.
Wenn nichts richtig läuft, einfach die Richtung ändern. Das hat auch immer geklappt, wenn die anderen ihm auf dem Schulweg aufgelauert haben. Einfach die Richtung ändern und einen großen Bogen laufen.
Frank dachte an Ines. An ihre blonden Haare, die sie immer viel zu dünne Spaghetti nannte. Er mochte ihr Haar, es duftete so gut – wie frischer Sommerwind. Er würde sie vermissen, wenn er nicht mehr hier war, aber das konnte er jetzt nicht ändern. Es war an der Zeit, auf Reisen zu gehen und dieses Leben hinter sich zu lassen. Mama war schon früher los und sie hatte immer gesagt, dass sie nicht wüsste, wie lange die Reise dauern und wann sie sich wiedersehen würden. Frank hatte keine Lust mehr, zu warten. 43 Jahre war Mama bei ihm gewesen, und jetzt hatte sie plötzlich gehen müssen, einen Monat war er jetzt schon ohne sie, und das reichte ihm, er würde jetzt hinterher reisen. Hier im Dorf hielt ihn nichts mehr, er hatte keine Lust mehr auf den ständigen Ärger und die Boshaftigkeiten der Nachbarn. Außerdem verstand er immer noch nicht, was er eigentlich verbrochen hatte. Er hatte nichts zu tun mit dem plötzlichen Verschwinden von Susanne, aber das glaubte ihm ja keiner.
Frank atmete schwer aus und drehte den Kopf in Richtung Schreibtisch. Dort lag der Brief für Ines, in dem er ihr alles, so gut wie er konnte, erklärte.
Hatte er an alles gedacht, bevor es losging? Er hatte die Hintertür abgeschlossen und den Herd ausgeschaltet, Einstein, sein Kater, hatte genug Futter für die nächsten Tage. Zwar glaubte er, dass Ines heute noch käme, aber man wusste ja nie, und Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, hatte Mama immer gesagt. Seine Kleidung war frisch und die Schuhe waren geputzt. Sein Blick wanderte zu den schwarzen Schuhen mit den leichten Kratzern auf den Spitzen. Die waren dort, seit dem er mit Mama und Ines auf der Feier gewesen und dort gefallen war. Auch mit der Schuhcreme hatte er sie nicht ganz wegbekommen. Wenn das Mama sah, dann wird sie den Kopf schütteln und sagen: »Bei dir halten die Sachen auch von zwölf bis Mittag.« Dann würde sie seinen Kopf in die Hände nehmen, ihn zu sich herunter ziehen und ihn auf den Scheitel küssen.
Er freute sich auf seine Mutter. Die Aussicht, sie wieder zu sehen, schmälert die Trauer über den Verlust von Ines.
Frank blickte sich nochmal um und prüfte, ob alles aufgeräumt war in seinem Zimmer. Er wollte nicht, dass die anderen einen falschen Eindruck von ihm bekamen. Dann klatschte er einmal in die Hände. »Auf, auf, keine Maulaffen feilhalten, Frank! Jetzt geht es los.« Er machte einen großen Schritt auf den Hocker. Dann legte er sich den Strick, welchen er schon am Morgen an dem Deckenbalken in seinem Zimmer befestigt hatte, um den Hals und zog die Schlinge zu. »Bis gleich, Mama«, flüsterte er, gab dem Stuhl einen beherzten Ruck, so dass er mit einem Schwung gegen die Wand prallte, und fiel ins Freie.

 

2. Ein paar Monate zuvor

»Ja, Mann, ich bin schon angezogen! Nerv mich nicht!«
Die ›dämliche Kuh‹, die Hannes hinterher schob, hatte Susanne auf der Treppe noch hören können. Sie biss die Zähne so fest zusammen, dass sie knirschten. Manchmal würde sie ihn am liebsten gegen die Wand klatschen. Warum entwickelten sich die lieben Kleinen in der Pubertät zu missgelaunten Arschlochkindern? Sollte das den Abnabelungsprozess erleichtern?
Am Fuß der Treppe angekommen, klopfte sie zaghaft an die Badezimmertür. »Mona?«
Keine Reaktion.
»Mona, Schatz? Bist du fertig? Ihr müsst euch beeilen, der Schulbus kommt bald.«
Als Antwort flog die Tür auf, und ihre Tochter stürmte heraus. »Mama, nerv nicht jeden Morgen rum!«
»Ich muss ja! Ihr trödelt immer derartig, dass ihr immer den Bus verpassen würdet, wenn ich nicht aufpassen würde.«
»Jaaaaaa, is’ klar, Mama.«
Susanne hasste es, wenn ihre Tochter so mit ihr sprach. Dieses langgezogene ›Ja‹ und die Betonung, brachten sie in Rage. Sie war hier nicht der Depp für alle, mit dem man reden konnte wie mit einem Lui von der Straße.
»Dann fährst du uns halt. Wo ist dein Problem?« Mona schlenderte in die Küche und ließ ihre Mutter an der Badezimmertür stehen.
Susanne atmete tief ein und eilte ihrer Tochter hinterher. »Hör mal, so geht das nicht!«
»Hallo Papa«, sagte Mona und küsste ihren Vater auf die Wange.
»Guten Morgen, mein Schatz. Hast du gut geschlafen?« Jürgen Rieker sah von seiner Zeitung auf und lächelte seine Tochter an.
Mona nickte und ging weiter zu ihrer Oma, trat hinter sie und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Hallo Omi.«
Hilde hob ihre knochige Hand und tätschelte die ihrer Enkelin. »Guten Morgen, mein Kind, setz dich und frühstücke noch etwas.«
»Nö, kein‹ Hunger.«
»Aber du musst …«, weiter kam Hilde nicht.
»Mona, ich habe mit dir gesprochen«, fuhr Susanne so vorsichtig, wie es ihr noch möglich war, dazwischen.
»Was willst du?« Der Ton ihrer Tochter verschärfte sich.
Jetzt nicht die Nerven verlieren, Suanne, provozier jetzt keinen Streit, redete sie sich gut zu. »Du sollst ein für alle Mal begreifen, dass ihr morgens zeitig aufstehen müsst und dass ich euch nicht immer fahren kann, nur weil ihr hier in der Frühe nicht aus dem Quark kommt.« Sie hörte, wie Hannes die Treppe runter kam und mit einem lauten Türknallen im Bad verschwand.
»Mein Gott, Susanne!« Hildes Stimme war scharf wie ein Rasiermesser. »Jetzt mach hier keinen Aufstand! Es kann ja wohl kein Problem darstellen, die Kinder morgens zur Schule zu fahren.«
»Misch dich da nicht ein, das ist eine Sache zwischen mir und meinen Kindern.« Susanne trat die Röte ins Gesicht.
»Nein, wenn ich mir dein Gezeter jeden Morgen anhören muss, dann ist es auch meine Sache.«
Das reichte! Susanne fühlte sich wie ein Kessel auf einer heißen Herdplatte, kurz vor dem Siedepunkt. Sie ging einen Schritt auf den Tisch zu und stützte sich mit den Händen auf die Tischplatte. »Wenn dir die Atmosphäre in unserem Haus nicht passt, meine liebe Hilde, dann geh doch nach nebenan und iss in deiner eigenen Küche dein eigenes Frühstück.« Susanne funkelte ihre Schwiegermutter böse an, wunderte sich jedoch, dass sie es schaffte, einen ruhigen, wenn auch nicht ganz freundlichen Tonfall beizubehalten.
»Mama!« Monas Ton war vorwurfsvoll. »Omi isst immer mit uns Frühstück! Was soll das denn jetzt?« Sie drehte sich zu ihrem Vater. »Papa, sag du doch auch mal was. Mama will Omi rausschmeißen.«
Jürgen Rieker ließ die Nordseezeitung sinken und sah die drei nacheinander an. »Der Einzige, der hier irgendjemanden rausschmeißt, bin ich«, sagte er, »und jetzt hört bitte auf, ich will meine Zeitung in Ruhe zu Ende lesen, bevor ich in den Hafen muss.«
»Das glaub ich alles nicht!«, flüsterte Susanne und stemmt sich mit einem so heftigen Ruck von der Tischplatte ab, dass der Kaffee aus den Tassen schwappte.
»Ach, Susanne! Tut das Not?«, hörte sie Hilde sagen, als sie aus der Küche stürmte.
Sie durchquerte das Wohnzimmer und öffnete die Terrassentür. Der kühle und feuchte Februarwind schlug ihr entgegen. Sie angelte nach der Packung Zigaretten in der Tasche ihrer Strickjacke. Nur noch zwei Stück.
Scheiße, dann muss ich gleich zu Tülze und neue holen, dachte sie. Der Edeka war zwar im Ort, jedoch so weit entfernt, dass laufen nicht in Frage kam – nicht bei dem Nieselregen.
Was für eine Scheiße!
Jeden Morgen derselbe Mist mit den Kindern. Jeden Morgen ihre Schwiegermutter, die zu allem etwas Schlaues zu sagen hatte. Jeden Morgen ihr Ehemann, den das alles nicht zu interessieren schien. Hauptsache, es gab Kaffee und die Tageszeitung und abends nach der Arbeit was Warmes zu essen und die Tagesschau. Sie zog an ihrer Zigarette und inhalierte den Rauch tief. Die Woche fing ja wieder richtig super an.
Hatte sie sich ihr Leben so vorgestellt?
Nein! Auf keinen Fall!
Als sie damals zu Jürgen und seinen Eltern nach Hasenbrönn gezogen war, hatte sie nicht geahnt, dass das Leben im Dorf einen derart krassen Gegensatz zum Stadtleben bot. Ebenso wenig hatte sie damit gerechnet, dass ihre Schwiegermutter nach dem Tod ihres Manns quasi bei ihnen einziehen würde. Sie war mehr bei Jürgen und Susanne als in ihrer eigenen Wohnung, die direkt nebenan, auf der anderen Seite des Hofes, lag.
Wie wäre ihr Leben verlaufen, wenn sie nicht ihren Mann geheiratet hätte, schwanger geworden und hierher aufs Land gezogen wäre?
Was wäre gewesen, wenn sie bei Mario, ihrem langjährigen Freund vor Jürgen, geblieben wäre? Er war zurückgegangen in das Geburtsland seiner Eltern und besaß heute in Sizilien ein kuscheliges Restaurant am Meer, das hatte sie im Internet recherchiert. Lange hatte sie gezögert, und dann hatte sie ihn angeschrieben. Sie konnte nicht sagen, was sie damit bezwecken wollte. Letztendlich war es auch egal, denn er hatte sich nicht gerührt. Keine Antwort bis heute.
Susanne seufzte. Am Meer zu leben und zu arbeiten, das wäre schön gewesen. Sie nahm den letzten Zug von ihrer Zigarette und zündete mit dem Rest eine neue an. Dann zerknüllte sie die leere Packung in ihrer Hand.
»Scheiße!« Sie warf die Schachtel in die Forsythie, wo sie rot leuchtend auf dem laubfreien Erdreich liegen blieb. Sie betrachtete das Stillleben. Ja, so fühlte sie sich, wie ein Fremdkörper, der nicht hierhin gehörte.
Sie rauchte ihre Zigarette zu Ende, öffnete die Terrassentür und ging ins Wohnzimmer. Brutus, der viel zu dick geratene Familienlabrador, kam ihr entgegen und wedelte vor Freude beinahe die Deko vom Beistelltisch.
»Ja, mein Großer, du bist gleich dran, wenn ich die Gören in die Schule kutschiert habe.« Sie tätschelte ihm den Kopf, was er mit einem ausgiebigen Lecken ihrer Hand quittierte.
Susanne blieb einen Augenblick stehen und sah Brutus an. Eines Tages wären die Kinder aus der Pubertät heraus und ausgezogen. Im besten Fall war bis dahin ihr Schwiegerdrachen unter der Erde, und dann würde ihr Leben bessere Formen annehmen. Vielleicht könnten Jürgen und sie in den Urlaub fahren, nach Mallorca oder Teneriffa, denn sie waren nie weiter als bis nach Österreich gekommen.
Susanne atmete aus und warf einen Blick auf die Uhr. Viertel vor acht, in fünfzehn Minuten war Schulbeginn. Als könnte sie Gedanken übertragen hörte sie ihren Sohn aus der Küche brüllen: »Mama! Wo bist du denn schon wieder? Wegen dir kommen wir noch zu spät zur Schule!«
Susanne schloss kurz die Augen und atmete tief ein und aus. »Nützt ja nix«, flüsterte sie und verließ das Wohnzimmer.

Susanne parkte den Wagen am Straßenrand und blieb einen Augenblick hinter dem Steuer sitzen. Nachdem sich Hannes und Mona auf dem gesamten Weg zur Schule gestritten hatten, genoss sie die Ruhe und schloss die Augen. Was für ein Morgen! Sie lauschte dem fast unhörbaren Geräusch ihres Atems. Einatmen, ausatmen. Sie sollte wieder einen Yogakurs besuchen, das hatte ihr früher gutgetan. Du bist die Ruhe und die Kraft, sagte ihr ihre innere Stimme. Das Leben ist eines der schönsten, und du wirst alles meistern, was dir im Leben …
»Hey! Schläfst du oder bist du tot?«
Jemand klopfte so heftig an die Scheibe ihres Autos, dass Susanne vor Schreck tief einatmete und sich dabei an ihrer eigenen Spucke verschluckte.
»Ines!«, krächzte sie und hustete, bis sie wieder halbwegs normal atmen konnte. »Bist du irre?« Susanne stieß die Wagentür auf und stieg aus dem Auto. »Ich hätte sterben können!«
Ines stütze sich an der Motorhaube ab und hielt sich vor Lachen den Bauch. »Du hättest dich sehen sollen!« Sie rang nach Luft. »Was machst du denn da? Ich dachte, du schläfst.« Sie wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln.
»Nein, Mann, ich hab die Ruhe genossen. Die Kinder rauben mir mit ihrer Lautstärke noch den letzten Nerv.«
»Ach du Arme! Wolltest du zu uns?«
»Ja, ich brauch Zigaretten.«
Ines hakte sich bei ihr ein. »Na, denn komm’se ma’ mit, junge Frau.« Sie zog Susanne über die Straße in Richtung des kleinen Ladens. »Und sonst so?«
»Selbe Scheiße, anderer Tag«, entgegnete Susanne und drückte die Ladentür auf.
»SSDD.« Ines grinste.
»Was?«
»Selbe Scheiße anderer Tag. SSDD.« Sie folgte Susanne in den Verkaufsraum.
»Was’n das für’n Quatsch?«
»Kein Quatsch, kommt doch aus einem Stephen King. SSDD haben die Kids ständig gesagt, für: same shit, different day. In der deutschen Übersetzung: selbe Scheiße, anderer Tag. Kannst du dich daran nicht erinnern?«
»Nee, ich hab das Buch nie gelesen, das war nur ein Spruch von meinem Ex.«
»Dein Ex, soso. Guten Buchgeschmack hatte er auf jeden Fall.«
Susanne seufzte theatralisch. »Nicht nur das.«
»Und warum ist es dann dein Ex?«
»Ach, lange Geschichte.« Sie winkte ab. »Ich hab mich damals echt dumm benommen, und manchmal bereue ich das. Wäre ich bei ihm geblieben, wäre ich heute im warmen Sizilien und nicht hier, im kalten Norden.«
»Na das klingt ja ganz spannend. Allerdings hätten wir uns dann nicht kennengelernt.« Ines verschwand hinter der Kasse und nahm eine Schachtel Zigaretten aus dem Regal. »Das wäre zumindest für mich ein echter Verlust.«
»Für mich auch, das kannst du mir glauben!« Susanne warf ihrer besten Freundin einen Kuss zu.
»Kommst du heute Abend auch?«
»Heute Abend?« Susanne runzelte die Stirn. »Was soll da sein?«
»Na wegen der 800-Jahr-Feier. Wir besprechen heute Abend, was gemacht werden soll, welcher Verein welche Aufgabe übernimmt und was jeder Einzelne machen kann.«
Susanne tippte sich gegen die Stirn.
»Ach, bitte! Komm doch, das wird bestimmt lustig.«
»Nö, da kann ich mir echt was Besseres vorstellen. Bevor ich mir das antue, schau ich mir mit meiner Schwiegermutter zusammen das Traumschiff im Fernsehen an.«
Ines rollte mit den Augen. »Wie lange bist du jetzt hier bei uns? Siebzehn Jahre? Und immer noch keinem Verein angeschlossen! Vielleicht solltest du es wenigstens bei den Landfrauen versuchen. Außerdem kannst du kein Traumschiff ansehen, das läuft nur noch zu Weihnachten.«
»Mach nur so weiter, dann bist du die längste Zeit meines Lebens meine Freundin gewesen.« Sie zwinkerte. Ines war eine der ersten Menschen, die Susanne in Hasenbrönn kennengelernt hatte. Die beiden Frauen, die fast im selben Alter waren, hatten sich auf Anhieb gut verstanden und sich schnell angefreundet. Ines war ihr Anker, wenn sie, wie so oft, das Gefühl hatte, ihr ganzes Leben würde aus dem Ruder laufen. Egal, ob es um Stress mit Hilde oder den Kindern ging oder um das eingefahrene, besser gesagt, verfahrene Eheleben mit Jürgen, Ines war immer für sie da.
»Du weißt, ich mag dich sehr, aber du solltest dich wirklich mehr in die Dorfgemeinschaft integrieren, du wirst sehen, das hat auch seine guten Seiten. Man muss sich hier etwas anpassen.«
»Wer sagt das? Du? Die vegane Metzgerstochter?« Sie legte zehn Euro auf den Tresen.
»Mein Vater ist kein Metzger, er verkauft die Wurst nur.« Ines lachte auf und gab das Wechselgeld raus. »Ja, das ist schon ein wenig verrückt. Wo hier doch Fleisch das beste Gemüse ist.« Ines schüttelte den Kopf. »Meine Oma versteht das immer noch nicht. Sonntag beim Grillen hab ich mich an meine veganen Kräuterschnecken und den Quinoasalat gehalten. Sie hat mich beobachtet und schließlich gesagt«, sie spitzte die Lippen und ahmte eine alte Frau nach, »Kind, ich hab das ja verstanden, dass du kein Fleisch mehr essen willst, aber iss doch wenigstens eine Wurst!«
»Hör auf, dich über deine Oma lustig zu machen!« Die Stimme ihres Vaters donnerte aus dem Nebenraum. Michael Tülze erschien in der Tür des winzigen Büroraums. »Das ist nicht witzig. Keiner versteht hier, was der ganze Quatsch mit diesem Tierschutz soll. Das halbe Dorf lebt von der Viehzucht und du fängst an, nur noch Körner zu fressen.« Er rauschte an ihr vorbei und würdigte Ines keines Blickes. »Moin Susanne!«, sagte er, bevor er durch die Ladentür nach draußen verschwand.
»Hauaha! Was war das denn?«
»Ach, du kennst doch meinen Vater. Irgendwann wird hoffentlich auch er begreifen, dass es lediglich um meine Ernährung geht. Ich frage mich, was er wohl getan hätte, wenn ich ihm stattdessen eröffnet hätte, dass ich lesbisch bin.«
Susanne lachte los. »Dann hätte er gebetet, dass der Herrgott den Boden öffnet und er darin versinken kann.« Sie schüttelte den Kopf. »Mein Gott, was für ein Kaff! Wie bin ich hier bloß gelandet?«
Ines zwinkerte verschwörerisch. »Such dir doch einen heißen Lover und verschwinde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Was meinst du, was dann hier los wäre? Da käme mal richtig Schwung ins Dorf.«
»Ich lass es mir mal durch den Kopf gehen, aber jetzt fahr ich erstmal nach Hause und mache die Wäsche.« Sie griff nach den Zigaretten und hob zum Abschied die Hand. »Wir sehen uns.«

Frank drückte die schwarze Erde über den frisch gesetzten Tulpenzwiebeln fest. Einstein lag im Beet und suhlte sich in der schwarzen Erde. Manchmal, dachte Frank, benimmst du dich wie ein Schweinchen, nicht wie ein Kater.
Seine Mutter kniete neben ihm im Beet und klaubte die toten Eichenblätter aus der Buchsbaumhecke.
Er beobachtet, wie sie sich immer wieder eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht wischte und mit ihren dürren Fingern das Laub in den Plastikeimer warf.
Mariechen Koslowski trug, so lange Frank denken konnte, die Haare hochgesteckt oder zu einem Dutt gedreht. Nur, dass diese im Laufe der letzten dreißig Jahre stetig dünner geworden waren, so wie die ganze Person.
Eigentlich war sie nur noch ein Persönchen.
Sie war bereits einundachtzig und ließ sich die Gartenarbeit noch immer nicht verbieten. Er sah ihr an, wie schwer ihr die Handgriffe mit ihren gichtgeplagten Händen fielen, wie stark ihr Kreuz unter der immerwährend gebeugten Haltung schmerzte, wie schwer es ihr fiel, wieder auf die Beine zu kommen.
»Lass gut sein, Mama!« Er stand auf und griff Mariechen, die lieber Marie genannt wurde, unter die Achseln, um ihr beim Aufstehen zu helfen.
Sie hasste ihren Namen, das wusste Frank. Bereits in ihrer Kindheit hatte man sie damit aufgezogen. Mariechen sagt zu Mariechen, lass mich ma’ riechen, Mariechen. Da ließ Mariechen Mariechen ma’ riechen.
Was für ein dummer Spruch, dachte Frank. Und woran sollte die eine die andere eigentlich riechen lassen?
»Geht´s?«
Seine Mutter rappelte sich auf und zog die Kittelschürze, die sie unter der dicken Wolljacke trug, zurecht. Dann tätschelte sie Frank die Hand. »Jümmers langsam mit de jungen Peer. Denn klappt das ooch.«
»Ja, Mama, immer langsam, so ist es richtig.« Er liebte es, wenn seine Mutter so sprach. »Damals nach dem Krieg haben wir nur so geschnackt«, sagte sie oft. Aber heute verstand das ja kaum noch einer. Auch Frank konnte so nicht reden, egal, wie viel Mühe er sich gab. Vielleicht lag das daran, dass er nicht der Gescheiteste war, aber letztendlich war es auch egal, er verstand sie, und das war die Hauptsache.
Einstein kam zu ihnen und strich seiner Mutter um die Waden.
»Na, kleiner Kater, wie geht es dir?« Sie bückte sich langsam und streichelte liebevoll das rote Fell. Einstein begann augenblicklich zu schnurren. Wie alt er geworden war, seit damals, als Frank ihn halb tot vor dem Bauern gerettet hatte. »Entweder du nimmst ihm mit oder ich erledige das heute Abend«, hatte der Bauer gesagt. Frank hatte das kleine Bündel in seinen Pullover gebettet und ihn mit nach Hause genommen. So war Einstein dem sicheren Tod entronnen und dankte es Frank mit jeder Minute seines Daseins.
»Was hältst du davon, wenn ich hier die Arbeit fertig mache und du uns einen Kaffee kochst? Dann können wir eine Tasse davon zusammen trinken. Okay?«
Sie sah ihn mit ihren wässrigen Augen an und strich mit dem Rücken ihrer knochigen Finger über seine Wange. »Was würde ich nur ohne meinen Jungen tun? Ich käme hier alleine gar nicht zurecht.«
»Mama! Ich bin doch da! Sowas darfst du nicht denken.« Er nahm sie in den Arm und drückte sie sanft an seine Brust.
Ganz vorsichtig, damit sie nicht kaputt geht!
Er ließ sie los und lächelte. »Machst du Kaffee?«
Sie nickte, ging langsam zum Haus hinüber. »Komm, Einstein, wir gehen Kaffee kochen.«
Der Kater rannte los, und einen Augenblick später verschwanden beide hinter der Eingangstür.
Frank atmete schwer ein. Was würde sie ohne ihn machen? Die Frage war wohl eher, was würde er ohne sie machen. Seine Mutter war seit dem Tod seines Vaters der einzige Mensch in seinem Leben, außer Ines vielleicht. Nachdem Heinrich Koslowski vor gut siebenundzwanzig Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen war, hatten Mutter und Sohn sich aufeinander konzentriert. Der Unfall, so sollte er es nennen, hatte Mama damals gesagt, schweißte die beiden bis heute zusammen. Er hatte darüber nie reden dürfen, er hatte immer gesagt, dass er nicht im Garten gewesen sei und nichts gesehen hätte. Aber mit irgendjemandem hatte er nach dem schrecklichen Ereignis reden müssen, und deshalb hatte er es in sein Tagebuch geschrieben. Ins Tagebuch schreiben war nicht reden und so hatte er auch nicht gegen die Weisung seiner Mutter verstoßen. Egal, wie es passiert war, es war gut, dass es passiert war.
Heinrich Koslowski war dem Alkohol nicht abgeneigt gewesen. Immer wenn er zu viel getrunken hatte, war er gemein geworden. Er hatte Frank und seine Mutter beschimpft, und das ein oder andere Mal hatte es eine Ohrfeige, oder schlimmeres gesetzt. Marie Koslowski hatte die verbalen Attacken, die sich gegen sie richteten, ausgehalten, aber wenn sie Frank betroffen hatten, dann war sie zur Furie geworden.
Sie hatte ihren Jungen erst spät bekommen. Mit achtunddreißig hatte sie die Hoffnung auf ein Kind aufgegeben. Ob es ein Gottesgeschenk oder lediglich der Tatsache geschuldet war, dass sie einen Seitensprung mit dem Metzgerssohn gehabt hatte, das wusste sie nicht, und letztlich war es ihr auch egal, hatte sie Frank eines Tages erzählt. Auf jeden Fall war er der beste Unfall, den sie jemals gehabt hatte.
Er hatte nur gute Erinnerungen an die Kindheit mit seiner Mutter. Sie war die beste, die er sich vorstellen konnte. Immer liebevoll, immer für ihn da, und wenn sein Vater ungerecht geworden war, dann hatte sie sich immer dazwischen gestellt. So auch am Tag des Unfalls.
Frank ließ seinen Blick durch den Vorgarten schweifen. Nur noch die Blätter zusammenharken, und dann war die Arbeit getan. Er holte die Harke aus dem Schuppen und schlenderte zurück. Nachdem er gut eine weitere halbe Stunde das Laub zusammengerecht und in Säcke gestopft hatte, hielt ein roter Opel Corsa auf der anderen Seite der Straße, und das Fenster fuhr herunter.
»Hallo Frank, was machst du denn hier bei dem Schietwetter?«
Frank lächelte unsicher, und sein Blick sank in Richtung Boden. »Hallo Susanne. Ich mach den Garten sauber.«
Sie lachte. »Ja, das sehe ich. Kannst du dir denn dafür kein besseres Wetter bestellen?«
Frank sah sie ernst an. »Das kann ich nicht! Gott macht das Wetter und da kann man nichts bestellen.«
Sie lächelte. »Ach, Frank.« Sie sah ihn eine Weile an. Es wurde ihm unangenehm, da sie nicht sprach. Er riskierte einen kurzen Blick auf ihre langen braunen Haare, die ihr so wunderschön um die Schultern fielen und seine Finger schlugen unruhig aneinander.
Diese Angewohnheit hatte er als Fünfjähriger entwickelt. Er tippte Daumen und Mittelfinger aneinander, als würde er Morsezeichen senden. Sein Vater hatte diese Angewohnheit gehasst. Er hatte ihm eines Morgens, Frank konnte sich nicht erinnern, wie alt er damals gewesen war, das Frühstücksbrett auf die Finger geschlagen und gebrüllt: »Lass den Scheiß, du siehst aus wie ein Spasti.« Dann verhielt er sich wie ein Behinderter und tat, als könne er nicht in die Hände klatschen. »Ey Franky-Boy, klatsch mal in die Hände, bekommst auch ein Eis«, sagte er. Nachdem er nach einigen Versuchen ein Händeklatschen zustande brachte, nahm er ein imaginäres Eis entgegen, welches es sich mit einem dümmlich klingenden »Danke!« an die Stirn donnerte. Dann lachte er und schlug sich auf den Oberschenkel. Frank war wütend aufgestanden und in sein Zimmer gelaufen. Von dort hörte er seinen Vater noch immer lachen. Seine Mutter lag damals im Krankenhaus und es war niemand da, der ihn in Schutz nahm, und so hatte er sich unter seine Bettdecke gelegt und sich gewünscht, er könne sich in Luft auflösen.
Er erschrak, als Susanne ihn plötzlich aus seinen Gedanken riss. »Komm mal kurz zu mir.« Sie winkte ihn zu sich.
Frank stakste durch das Beet, stiefelte den langen, gepflasterten Weg entlang und öffnete ungeschickt die Gartenpforte. Nachdem er sich versichert hatte, dass kein Auto in Sichtweite war, überquerte er die Straße und blieb vor der Fahrertür stehen.
»Da bin ich.« Er drehte an einem der Zottel, die von seinem Schal herabhingen. Susanne griff nach seiner zappelnden Hand. »Frank, schau mich an.«
Er hob langsam den Blick, Scham und Unsicherheit standen in seinen Augen. Susannes Finger war warm und weich, und es fühlte sich an, als würde seine Hand in ihrer verbrennen.
»Frank, hör mir gut zu! Du bist ein guter Mensch, verstehst du mich?«
Er nickte.
»Lass dir von keinem der Dösköppe hier im Dorf etwas anderes einreden. Die sind die Idioten, mit ihrem kleingeistigen Getue, nicht du! Du und deine Mama, ihr seid gute Menschen!« Sie lächelte ihn an. »Und jetzt sieh zu, dass du fertig wirst, du bist ja schon ganz nass.« Sie ließ seine Hand los, winkte zum Abschied, schloss das Fenster und fuhr los.
Frank hob die Hand und eilte zurück auf den Bordstein vor seinem Haus. Er sah den Rücklichtern hinterher, bis sie am Ende der Straße verschwunden waren.
Er warf einen Blick auf die Uhr am Handgelenk. Auf dem Zifferblatt war der DeLorean DMC-12 aus seinem absoluten Lieblingsfilm Zurück in die Zukunft zu sehen. Wie Marty McFly, hatte er schon in seiner Jugend sein wollen, und daran hatte sich bis heute nichts dran geändert. Allerdings zweifelte er an seinem Wunsch, seit er sich bei seinem ersten Versuch, wie Marty Skateboard zu fahren, den Arm gebrochen hatte.
Kurz nach halb vier, jetzt war es wirklich Zeit für einen Kaffee.